Das Jugend-hackt-Jahr 2022

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von Philip Steffan

Zack, da war das Jahr vorbei. 2021 haben wir als Motto eine Frage ausgegeben: Was kommt danach? Nun können wir sie beantworten: Das kam danach! Ein ganzes Jahr voller Jugend hackt in kleinen und großen Portionen, mit positiver Grundstimmung.

Manchmal erkennt man ja erst am Ende eines Jahres, dass sich etwas wie ein roter Faden durch das Jahr gezogen hat. Für uns ist 2022 das Jahr der Begegnung geworden: Nach zwei Jahren mit Unsicherheiten und Online-Formaten konnten wir uns endlich wieder überall persönlich begegnen.

Acht Events plus zwei

Fangen wir mal mit den Events an. Achtmal kamen 2022 Jugendliche und Mentor*innen für ein Wochenende zusammen, um eigene Coding-Projekte umzusetzen. Im April ging es in Dresden los — endlich, denn eigentlich sollte die Veranstaltung im Dezember 2021 stattfinden, musste aber pandemiebedingt verschoben werden. Über das Jahr verteilt gab es Jugend hackt dann in Frankfurt/Main, Mannheim (Rhein-Neckar), Hamburg, Berlin, Köln, Linz und schließlich im Dezember in München.

Nach 2020, dem Jahr der Absagen aller Präsenzangebote und Neuerfindung als Digital-Event, und 2021, dem Jahr gemischten Angebote je nach Corona-Lage, konnten wir uns 2022 endlich wieder durchgehend vor Ort begegnen, dank großer Vor- und Rücksicht und ausführlichen Hygienekonzepten. Und ganz weg sind die Remote-Ideen nicht: Viele Events starten mit einem digitalen Vorab-Treffen und in Köln war sogar das ganze Wochenende hybrid geplant, so dass Jugendliche vor Ort oder von zuhause aus dabei sein konnten.

Insgesamt kamen bei den acht Hackathons 312 Jugendliche zu unseren Wochenend-Veranstaltungen und starteten dabei 65 Projekte. Thematisch war es wie immer vielseitig: Viele der Prototypen zeigen Ansätze auf, wie schulische Bildung mit digitalen Anwendungen spannender vermittelt werden könnte. Auch in den Bereichen Umweltschutz und Überwachungen geben die Projekte der Teilnehmer*innen immer wieder Impulse. Vor allem in München, wo das Event unter dem Thema „Code and Culture“ stand, aber auch an den anderen Standorten, gibt es außerdem viele spannende Auseinandersetzungen mit (digitaler) Kunst.

Die Videos der Projektvorstellungen gibt‘s unten im Player und sortierbar auf unserer Projektseite zum Anschauen.

dtJhHnfm – hä?

Seit längerem gab es in unserer Community den Wunsch, einmal einen Hackathon nur für Mentor*innen zu veranstalten – ein Wochenende, um miteinander Zeit zu verbringen und an Projekten coden zu können. Mitte August wurde diese Idee umgesetzt: Rund 20 Mentor*innen trafen sich im Eigenbaukombinat, dem großen Hackspace in Halle/Saale. 

Die maßgeblich von den Anwesenden selbst organisierte Veranstaltung trug den etwas sperrigen Titel dtJhHnfm (ausgeschrieben: „der traditionelle Jugend hackt-Hackathon nur für Mentor*innen“). Der Name entstand, nicht ganz ernst gemeint, in der Planungsphase – hoffen wir, dass hier tatsächlich eine neue Tradition begonnen hat!

In den rund 48 Stunden entwickelten die Mentor*innen diverse interne Tools für Jugend hackt weiter, etwa das System „Fahrplan++“, das die Ablaufplanung der regulären Events vereinfacht. Auch der „Badge-Generator“ erfuhr wichtige Updates: Mit der Browseranwendung kann man schnell und unkompliziert Druckvorlagen der sechseckigen Aufkleber erzeugen, die ansonsten für jedes Jugend hackt Event von Hand im Grafikprogramm angelegt werden müssen.

Eine andere Projektgruppe überarbeitete die Einführung in „git“, die den Jugendlichen zu Beginn jedes Hackathons angeboten wird. Ebenso entstand der Prototyp eines nerdigen Ratespiels im Browser. Bei „Chart Guesser“ bekommt man leere Diagramme vorgesetzt und muss raten, wie die Kurve hier wohl verläuft, zum Beispiel zur Frage „Erdbevölkerung seit 1950“ oder „Anzahl der Internetuser seit 1990“.

Die Konferenz: Beyond Code

Und noch eine Premiere – unsere erste Konferenz! Jugend hackt mal ohne programmieren, dafür mit ganz viel miteinander reden. Mit zwei großen Themenbereichen: Zeitgemäße digitale Bildung und gesellschaftliche Anforderungen an Künstliche Intelligenz. Im November kamen wir dazu mit interessierten Jugendlichen und Mentor*innen sowie Expert*innen in den Technischen Sammlungen in Dresden zusammen.

In vier Gruppen erarbeiteten die Teilnehmer*innen Vorschläge und Forderungen, zum Beispiel ein neues Schulfach „digital literacy“ anstelle von Informatik. Dazu passend forderte eine andere Arbeitsgruppe, die Didaktik des Informatikunterrichts grundlegend zu überarbeiten. Echte „digital literacy“ bedeute zudem, dass es auch außerhalb schulischer Kontexte Freiräume geben müsse, in denen man sich ausprobieren und voneinander lernen könne. Hier, ebenso wie beim Thema Künstliche Intelligenz, stehen im Mittelpunkt der Forderungen gesellschaftliche Fragen.

Was uns besonders stolz macht: Auf der Konferenz ist es gelungen, dass Menschen mit verschiedene Perspektiven auf Augenhöhe zusammen kommen. Schüler*innen, die unmittelbar aus ihren Erfahrungen in der Schule berichten, diskutieren mit Studierenden und Fachleuten. Bald präsentieren wir die ausgearbeiteten Forderungen in einem eigenen Blogpost.

Labs an neuen Orten

Die Expansion unserer Lab-Standorte dank der Förderung durch die Deutsche Bahn Stiftung ging auch 2022 weiter: In sieben neuen Städten (Augsburg, Bremerhaven, Moers, Münster, Offenbach, Schwerin und Wülfrath) starteten im Herbst regelmäßige Workshop-Angebote und werden bereits sehr gut nachgefragt.

Davor stand natürlich die Ausschreibung, bei der 19 Bewerbungen eingingen, die Auswahl der genannten sieben Standorte, ein Kennenlerntreffen bei uns in Berlin im Mai und dann über den Sommer die konkrete Vorbereitung der Angebote. Dabei setzen wir ganz auf regen Austausch im Lab-Netzwerk: In unseren monatlichen Calls sprechen die alten und die neuen Lab-Leads über Inhalte, Didaktik und alle möglichen organisatorischen Aspekte. Der tägliche Austausch läuft über unsere interne Online-Community.

Weiterhin ist die Trägerschaft der Labs sehr gemischt – mal steckt hinter dem lokalen Lab die Stadtverwaltung selbst, mal sind es Aktive in Stadtlaboren und Hackerspaces. Alle eint, dass sie mit großer Initiative Teil unseres wachsenden Netzwerks geworden sind, worüber wir uns sehr freuen.

Im vergangenen Jahr haben die bundesweiten Jugend hackt Labs 280 Workshop-Angebote auf die Beine gestellt und damit über 1500 Jugendliche erreicht! Eine Auszeichnung gab es kurz vor Jahresende auch noch: In Sachsen wurden die Jugend hackt Labs am 14. Dezember mit dem Sächsischen Digitalpreis ausgezeichnet. Die drei Standorte im Land erhielten den zweiten Platz in der Kategorie „Gesellschaft“.

Leider gibt es bereits seit einigen Monaten Unsicherheiten am Standort um: Unsere langjährigen Kooperationspartner*innen vom Verschwörhaus e.V., die bereits seit 2015 Jugend hackt in Ulm veranstalten, mussten leider im Sommer die vormals in Zusammenarbeit mit der Stadt Ulm bespielten Räume verlassen. Das Jugend hackt Lab konnte im weitgehend leeren Gebäude noch bis zum Jahresende stattfinden. Aktuell ist der Verein auf Suche nach einer neuen Location, an der auch das Lab dann eine neue Heimat finden wird.

Insgesamt gehen wir mit 20 Jugend hackt Labs ins neue Jahr, da die Kooperation mit dem Standort Cottbus zum 31. Dezember endete. Am Standort des Fablab Cottbus soll es aber weiterhin auch Angebote für Jugendliche geben.

Der Jugendbeirat

2022 war endlich auch das Jahr des Jugendbeirats von Jugend hackt. Die Idee gab es schon wesentlich länger, aber seit diesem Jahr gibt es eine Gruppe von Jugendlichen, die sich laufend austauscht und regelmäßig trifft. Im Netzwerk von Jugend hackt, das aus allen Kooperationspartnern besteht, die unsere Events und Labs durchführen, ist der Jugendbeirat die Vertretung von jungen Menschen aus der Community.

Der Jugendbeirat besteht aus jungen Menschen, die das Programm Jugend hackt mitgestalten wollen. Vertreter*innen des Beirats haben 2022 u.a. bei der Auswahl der neuen Lab-Standorte geholfen. Wer sich als Teil der Community versteht und mitmachen will, kann sich gern beim Jugendbeirat melden, per Mail oder auf Mastodon.

Das Berliner Team

Viele Konstanten, aber auch viel Wandel: Vor allem haben wir ein neues Trio in der Programmleitung. Für Ben und Mechthild, die Jugend hackt früh im Jahr verlassen haben, sind aus unserem bestehenden Team Anne, Nils und Nina nachgerückt. Kurz danach ist im Bereich Events Lisa zu uns gestoßen, im Bereich Labs kam Katja hinzu.

Seit August ist Anton unser neuer Bundesfreiwilligendienstleistender, er übernimmt also die Rolle von Benjamin, der nahtlos als studentischer Mitarbeiter im Team verbleibt. Im Sommer endete auch Ivans Zeit als studentischer Mitarbeiter bei uns. Zum Jahresende hat Laura das Team verlassen, die in den vergangenen zwei Jahren für die Lab-Koordination zuständig war.

Auch wenn sich manche Wege trennen, freuen wir uns bei allen, die Jugend hackt ein Stück weit begleitet haben, auf ein Wiedersehen in neuen Rollen.

Ein Ausblick

Es ist auf jeden Fall ein bedeutsames Jahr, weil Jugend hackt seinen 10. Geburtstag feiern wird: Am 7. September 2013 sind wir in Berlin mit einem Event gestartet. Das Jubiläum ist ein guter Zeitpunkt, um zu reflektieren und sich die Herausforderungen der Gegenwart anzuschauen: Was hat Jugend hackt 2013 bedeutet, und was bedeutet es 2023? Dem werden wir uns sicher in einigen Gedanken, Texten und Veranstaltungen nähern, aber auch einfach den Geburtstag feiern, wie es sich gehört.

Das Jubiläumsjahr beginnt für uns mit viel Planung: Diese Woche trifft sich das Jugend hackt-Netzwerk zu unserem (mindestens) jährlichen Netzwerktreffen, das diesmal in Linz stattfindet. Hier spinnen wir gemeinsam die Story von Jugend hackt weiter, vor Ort und auch hybrid mit Online-Tools.

Mit den Events geht‘s wie gewohnt weiter, auch wenn wir heute noch keine fertige Jahresplanung vorlegen können. Sicher ist, dass an fast alle Standorten dieses Jahr wieder ein Event stattfinden wird und wir darüber hinaus im Gespräch mit neuen Standorten sind. Ein erstes „save the date“ können wir schon für Dresden ausgeben: Hier ist der 5. bis 7. Mai fest eingeplant.

Ein Klassiker wird 2023 allerdings eine Pause einlegen: Es wird kein Event in Berlin geben, weil uns eine andere Sache stark beschäftigen wird: Wir werden mit vielen Partner*innen ein Jugend-Village auf dem Chaos Communication Camp vom 15. bis 19. August auf die Beine stellen. Genauere Informationen dazu folgen, sobald die Planung weiter fortgeschritten ist.

Unser Lab-Netzwerk soll dieses Jahr noch um einige Standorte wachsen. Mit den meisten Kandidat*innen sind wir schon länger im Gespräch. Wir freuen uns schon sehr, noch ein paar Fähnchen auf unsere Lab-Karte setzen zu können, die ja noch einige Lücken aufweist.

Neben diesen beiden Säulen unserer Arbeit haben wir uns natürlich noch viele weitere Aufgaben in die Notizbücher geschrieben. In den kommenden Wochen gehen neue erprobte Workshopkonzepte aus den Labs in unserer OER-Sammlung online. Wir werden im Juni wieder auf der TINCON in Berlin mit einem Stand dabei sein. Wir machen sehr viel Organisation hinter den Kulissen, bauen neue Tools für unser Netzwerk auf und überarbeiten unsere internen Handbücher und Materialien. Langweilig wird es also nie.

Danke!

Vielen Dank an alle unsere Teilnehmer*innen, die Jugend hackt im vergangenen Jahr mit ihren Ideen gefüllt haben und mit ihrer Lust auf Lernen und Zusammenarbeit zu so vielen tollen Momenten an vielen Orten geführt haben.

Vielen Dank an unser gesamtes Netzwerk aus haupt- und ehrenamtlichen Aktiven, aus Event-Orgas und Lab-Leads und allen, die in Deutschland und Österreich unser Programm tragen und umsetzen.

Vielen herzlichen Dank an unsere große Community aus Mentor*innen, die in ihrer Freizeit mit Begeisterung die Jugendlichen begleiten, fachlich aber vor allem auch menschlich. Ohne eure Bereitschaft zum Ehrenamt gäbe es Jugend hackt nicht.

Vielen Dank an alle, die uns im vergangenen Jahr unterstützt haben, ob mit einer Spende, mit guten Tipps oder auch, wenn irgendwo noch zwei Hände oder Augen fehlten.

Vielen Dank an alle Unternehmen, Stiftungen und Fördergeber*innen, die unsere Ideen und Ziele so überzeugend finden, dass sie Jugend hackt durch ihre finanziellen Mittel ermöglichen.