Paula über Engagement von Jugendlichen im „digitalen Zeitalter“

Paula Grünwald, eine der drei Programmleitungen von Jugend hackt, wurde am 26.03.2019 als Expertin von der Sachverständigenkommission für den Dritten Engagementbericht „Zukunft der Zivilgesellschaft: Junges Engagement im digitalen Zeitalter“ eingeladen. Weil ihr dort vorgetragenes Statement einige für uns wichtige Forderungen enthält, veröffentlichen wir es auch an dieser Stelle.

Paula Grünwald CC-BY 4.0 Jugend hackt, Foto: Anna Henatsch

Die Fragestellung: „Wie verändert sich aus Ihrer Sicht das Engagement von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor dem Hintergrund der Digitalisierung? Welche Herausforderungen und Vorteile ergeben sich dadurch für Ihre Arbeit?“

Ersteinmal vielen Dank für die Einladung der Kommission zu diesem Treffen. Durch meine Arbeit als Programmleiterin für Jugend hackt habe ich das große Privileg Jugendlichen einen offenen Raum für ihre technologischen Interessen und Fähigkeiten bieten zu können und zu erleben, wie sie diese Interessen und Fähigkeiten für die Lösung gesellschaftlicher Probleme einsetzen. Manchmal geht es dabei um kleine alltägliche Probleme, wie das nervige frühmorgentliche Aufstehen, manchmal um große gesellschaftliche Themen wie die Klimakrise, Datenschutz und Privatsphäre, Leistungsdruck oder Geschlechtergerechtigkeit.

Was sich am Engagement junger Menschen vor dem Hintergrund der Digitalisierung aus meiner Sicht verändert hat, sind – mit einigen Ausnahmen – nicht die Themen, die sie beschäftigen, sondern die Art und Weise mit der sie diese Themen bearbeiten können. Prof. Dr. Benjamin Jörissen arbeitet hier mit dem Begriff der postdigitalen Jugendkultur und meint damit, dass sich digitale Praxen so tief in alle Lebensbereiche eingeschrieben haben, dass Jugendliche keinen analogen Referenzraum mehr haben, also die Unterscheidung digital oder analog gar nicht mehr treffen können, weil sie keinen Zeitraum ohne digitale Sphäre mehr kennen.

Das hat natürlich Auswirkungen auf das Engagement von Jugendlichen. Ein Jugendlicher der #fridaysforfuture-Bewegung hat beispielsweise einen Bot programmiert, der die verschiedenen Kommunikationskanäle der Bewegung, wie Whats App- und Facebookgruppen oder Discord-Channels bündelt. Auch dadurch wurde die rasante internationale Ausbreitung des Streiks ermöglicht und es zeigt, wie vollkommen selbstverständlich digitale Tools genutzt und vernetzt werden um analogen Protest zu ermöglichen – wobei diese Unterscheidung vermutlich eben nur noch für über 25 Jährige Sinn macht.

In einer Studie des SINUS-Instituts von 2016 berichten die Autor*innen, dass die meisten Jugendlichen durchaus einen kritischen Blick auf ihre Mediennutzung und ihren medial geprägten Alltag haben. Sie erkennen die Risiken und wünschen sich eine bessere Bildung im Bereich der selbstbestimmten Nutzung. Sie erkennen, was auch Forscher*innen bestätigen, digitale Teilhabe ist heutzutage der Schlüssel zu sozialer und kultureller Teilhabe.

In diesem Sinne arbeiten wir bei Jugend hackt größtenteils mit privilegierten Jugendlichen. Ihre starke intrinsische Motivation sich mit Technologie und ihrer Funktionsweise zu beschäftigen verschafft ihnen ein tieferes Verständnis für algorithmische Logiken und Datenbanken, als dem Großteil ihrer Altersgenoss*innen. Wir versuchen sie deshalb bei unseren Angeboten vor allem für die sozialen und kulturellen Auswirkungen von Technologie entlang der Hacker*innen-Ethik zu sensibilisieren.

Der Raum, den wir den Jugendlichen auf unseren Veranstaltungen geben, ist für viele von ihnen Identitätsstiftend, weshalb sich eine deutschlandweite Community um Jugend hackt gebildet hat. Die Gründe dafür sind vielfältig und teilweise durch wissenschaftliche Evaluationen bestätigt. Wir bieten den Jugendlichen einen offenen Raum für sozialen Austausch unter Gleichgesinnten, ihre Ideen und Lernziele stecken sie sich selbst. Unterstützt werden sie beim Erreichen dieser Ziele durch technisch versierte Mentor*innen, die ihnen auch als authentische Vorbilder dienen. Zudem fördern wir Teamgeist und Fehlerkultur. Nicht zuletzt verschaffen wir ihren Ideen und ihrer Arbeit zu Anerkennung durch öffentliche Präsentationen. Unser großer Vorteil ist unsere starke Vernetzung innerhalb der deutschen Hacker*innen-, Maker*innen- und Civic Tech-Szene. Dank dieser können wir auf einen großen Pool an technisch versierten ehrenamtlichen Mentor*innen zurückgreifen und strahlen für die Jugendlichen Authentizität aus.

In diesem Sinne sehen wir die größten Herausforderungen zur Förderung von jugendlichem Engagement in einer besseren digitalen, bzw. kulturellen Bildung mit dem Ziel einer selbstbestimmten, kritischen Nutzung und medialer Produktion, in Freiräumen für Jugendliche, um mit neuen technischen Möglichkeiten zu experimentieren, in einer Minderung des Leistungsdrucks, damit diese Freiräume überhaupt wahrgenommen werden können, im Erlernen und Erleben von Selbstbestimmung und im dazu nötigen Vertrauen von Seiten Erwachsener.

Zur Umsetzung dieser Herausforderungen braucht es nachhaltige und verlässliche Strukturen. Orte, die Jugendliche regelmäßig besuchen und sich zu eigen machen können, sowie pädagogisches und technisch geschultes Personal, dass sie dort sinnvoll begleitet.

Was dabei nicht hilft, sind ständige Modellförderungen, die diese Verlässlichkeit unmöglich machen. Bei zu vielen Leuchtturmprojekten besteht die Gefahr, die Küste vor lauter Leuchten nicht mehr zu sehen.

Wir wünschen uns von den Jugendlichen Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen und Entscheidungsprozesse, denn erst sie ermöglichen Engagement. Was dabei definitiv nicht hilft, ist ein Ministerium, dass genau den Projekten, die diese Demokratiebildung betreiben, soweit misstraut, dass es sie ohne deren Wissen und Zustimmung vom Verfassungsschutz überprüfen lässt und natürlich helfen dabei auch nicht Politiker*innen, die jugendliche Protestbewegungen marginalisieren.

Quellen

Unterwegs mit Abraham

Abraham ist ein Jugend hackt-Teilnehmer mit Migrationshintergrund – oder wie er selbst viel lieber sagt: Integrationshintergrund. Der 19-jährige Syrer, der 2016 nach Deutschland kam, hat im vergangenen Juni das erste Mal bei Jugend hackt in Schwerin teilgenommen.

Abraham erzählt: „Jugend hackt war meine erste Veranstaltung in Deutschland. Jugend hackt verlangt kein Vorwissen. In der Schule muss mal viel lernen, viel auswendig können – doch bei Jugend hackt muss man nur Ideen haben, und der Rest ist da.“

In Schwerin war Abraham so engagiert, dass wir ihn in danach auch für das große Jugend hackt-Hauptevent im Herbst nach Berlin eingeladen haben. Natürlich hatte er auch Ideen im Gepäck: Er schloss sich mit den Teilnehmenden Charlotte, Anna, Melih und Büşra zusammen und entwickelte die „Yes App“, eine Android-App, die Menschen mit gleichen Interessen zusammenbringt. Denn, so Abraham in seiner Projektpräsentation: „Jeder Unbekannte ist ein Freund, den man noch nicht getroffen hat“.

Abraham findet, dass Jugend hackt einen ganz anderen Bildungsansatz verfolgt als die Schule: „Ich sage meinen Mitschülern, dass Jugend hackt anders ist, nicht wie Unterricht. Es ist viel interessanter, viel netter und freundlicher. Mein Tipp wäre: Traut euch und fangt klein an. Man muss anfangen und dann wird alles besser.“

Hast du auch Lust, bei einem unserer Events dabei zu sein? Hier findest du alle Termine und Infos zur Anmeldung.

In unserer „Unterwegs mit…“-Reihe berichten Teilnehmer*innen und Mentor*innen von ihren Erfahrungen bei Jugend hackt und warum es sich für sie lohnt, dabei zu sein. Hier gibt’s die anderen Videos zu sehen:

Radmesser: Messen, wo Autos Radfahrer eng überholen – Hendrik Lehmann (Lightning Talk 2018)

Hendrik Lehmann ist Journalist und leitet das “Innovation Lab” der Berliner Tageszeitung Tagesspiegel. Er macht Datenjournalismus – beziehungsweise mit dem Projekt Radmesser sogar “Sensorjournalismus”.

Das Problem: Gefühlt lebt man als Radfahrer*in in Berlin gefährlich – vor allem Autos scheinen oft viel enger zu überholen, als sie es dürfen. Außer den Unfallzahlen gibt es jedoch kaum relevante Daten zum Verhalten der Verkehrsteilnehmer*innen. Die gefühlte Unsicherheit lässt sich nicht messen oder belegen.

Die Lösung: Ein Eigenbau-Sensor für’s Fahrrad. Drei Ultraschallsensoren messen den Abstand nach links und rechts, ein Smartphone bestimmt die Position und erkennt im Fall der Überholung über die Kamera, ob es ein Auto war. Aus Datenjournalist*innen werden Maker*innen, die 100 Sensorboxen mit Arduino inside löten.

Die Messung: Citizen Science in Aktion: 2500 Kandidat*innen wollten, 100 durften ihre Räder mit den Sensorboxen ausstatten, gleichmäßig verteilt über Alter, Geschlecht, Berliner Bezirk, Fahrgewohnheiten. Rund 16.000 Überholvorgänge werden in knapp drei Monaten aufgezeichnet, als Open Data zur Weiternutzung veröffentlicht.

Die Auswertung: Als Hendrik seinen Lightning Talk hielt, lief die Messung noch. Aus den Ergebnissen haben die Datenjournalist*innen des Tagesspiegels später viele Erkenntnisse gezogen, vor allem, dass Autos bei mehr als der Hälfte aller Überholvorgänge zu nah am Rad sind. Genauer steht es in den bisher neun interaktiven Stories zum Projekt Radmesser.

Das Video bei Youtube und auf media.ccc.de.