Lab-Vorstellung: Der Verstehbahnhof in Fürstenberg/Havel

Im Sommer starten die Jugend hackt-Labs als feste Standorte mit einem stetigen Angebot für die lokale Jugend hackt-Community. Unsere zwei Pilot-Labs entstehen in Ulm und Fürstenberg. Hier stellt sich das Team aus Fürstenberg vor.

Der Verstehbahnhof ist wohl das, was dabei herauskommt, wenn man Hacker*innenmentalität auf ein leerstehendes Gebäude überträgt. In unserem Fall auf das Gebäude des Bahnhofs Fürstenberg/Havel, wunderbar gelegen an der Regionalbahn zwischen Berlin und der Ostsee, am Tor zur Mecklenburgischen Seenplatte. Einfach aus Berlin zu erreichen und viel zu schade, um es einfach dem Schicksal eines Gebäudes zu überlassen, das die Deutsche Bahn nicht mehr benötigt.

Bahnhofsgebäude Fürstenberg

Der Bahnhof Fürstenberg/Havel vor dem Beginn des Umbaus.
Foto: Ingolf (Quelle), Lizenz: CC BY SA 2.0, Bearbeitung: Jugend hackt

Vor knapp anderthalb Jahren, der Bahnhof war gerade in Privateigentum übergegangen, die erste WG mit jungen Leuten einige Zeit vorher eingezogen, überlegten wir, den Bahnhof als Makerspace auszubauen.

„Wir“, das sind Menschen, die im weitesten Sinne im und um den Bahnhof herum leben. Einige von uns machen seit knapp acht Jahren Projekte rund um digitale Bildung in Fürstenberg. Nach und nach kamen Menschen mit technischen, künstlerischen, handwerklichen und sozialen Fähigkeiten zusammen. Alle verband der Wunsch, den Bahnhof zu einem Ort zu machen, an dem Menschen zusammenkommen, Interessen geteilt werden und Austausch stattfindet. Aus dem Nachbarschaftskollektiv wurde 2017 der Verein havel:lab gegründet, der Neugier und Entdeckertum fördern will, mit einem Schwerpunkt auf technische Themen der Gegenwart und Zukunft und auf die Arbeit mit jungen Menschen.

Hier draußen in Brandenburg vermissten wir wenig, aber eine offene Werkstatt gehörte bisher definitiv auf die kurze Liste. “Wer macht, hat Recht” – also machten wir mal und bauten zuerst die ehemalige Wartehalle als Veranstaltungsort mit integrierter Werkstatt aus und sind jetzt seit einigen Monaten dabei, weitere Räume im Bahnhofsgebäude auszubauen. Dabei entsteht eine offene Werkstatt mit 80 qm, eine Art Wohnzimmer fürs gemütliche Arbeiten von knapp 40 qm, sowie eine große Küche mit weiteren 40 qm.

Und weil wir fanden, dass da noch mehr geht, eröffnet nun auch ein Café mit Späti, Fahrrad- und Stand-up-Paddel-Verleih im Bahnhof. Diverse Außenbereiche inklusive Strandbar sind in Planung. Wir finden, hier entsteht etwas Einzigartiges in der deutschen Bahnhofslandschaft.


Unser Selbstverständnis und unsere Ausstattung

Primär dreht sich im Verstehbahnhof allerdings erstmal alles um moderne Technologien und zeitgenössisches Handwerk. Wir sind ein offener Ort an dem jede*r, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialen Hintergrund, die Möglichkeit haben soll, die eigene Neugier auszuleben und etwas zu lernen. Da wir den Bahnhof mit Blick auf die Arbeit mit Gruppen ausgerichtet haben, gibt es auch entsprechende Infrastruktur. Wir können bis zu 30 Menschen mit der nötigen Technik versorgen – von Lötstationen bis zu Laptops und allerlei Gerät sind wir gut ausgestattet.

Die Werkstatt ist auch Heimat für diverse 3D-Drucker, einen ordentlichen Lasercutter, Schneideplotter, Transferpresse und vieles mehr. Wir haben jede Menge fischertechnik und mehr als genug Mikrocontroller unterschiedlichster Plattformen, um alles Mögliche anzusteuern. Für Vorträge und Diskussionen haben wir eine Bühne und Veranstaltungstechnik. Zum nächsten Badestrand sind es keine 500 Meter und es gibt mehr Seen im Umkreis von 30 Minuten, als man in einem Sommer beschwimmen kann. Und als wäre das alles nicht schon gut genug, leben drei freundschaftlich eingestellte Alpakas einen Ort weiter!

Der Verstehbahnhof als Lab

Dass wir hier in Brandenburg ein Jugend hackt-Lab werden, ist der nächste große Schritt für uns und für Euch! Seit wir mit diesem Projekt begonnen haben, nimmt der Verstehbahnhof immer mehr Fahrt auf, und wir freuen uns, das alles mit der Jugend hackt-Community zu teilen. Der wohl größte Vorteil ist, dass hier noch vieles in Entstehung ist und wir Euch dazu einladen, diese Entwicklung mitzugestalten und diesen Ort auch zu Eurem Ort zu machen. Das Gebäude und die Rahmenbedingungen drumherum geben uns sehr viel Freiheit und im Endeffekt bieten wir eine große Spielwiese für alle, die Lust haben, sich hier auszutoben.

Ein paar Kleinigkeiten sind für 2019 schon in Planung: Es wird beispielsweise regelmäßig Vorträge geben. Neben einem Kinderuni-Format, das wir für junge Leute aus der Gegend anbieten werden, wollen wir als Jugend hackt-Lab sehr gern regelmäßige spannende Vorträge ermöglichen, die mit einem praktischen Teil verbunden werden. Dadurch wollen wir in tiefere Gegenden von relevanten Themenfeldern vorstoßen: von praktischen Aspekten wie Security oder Skalierung bis zu philosophischeren Fragen wie der, was “guter” Code ist. Das soll Euch helfen, den Blick über den Tellerrand zu werfen und Eure Fähigkeiten auszubauen.

Wir könnten an dieser Stelle noch beliebig viel schreiben, müssen aber auch ein wenig vorsichtig sein, dem richtig offiziellen Programm nicht vorzugreifen. Dieses folgt bald, und wir hoffen, Ihr habt jetzt schon ein wenig Lust, dabei zu sein. Für alle, die ansatzweise in unserem Einzugsbereich sind, wird Fürstenberg/Havel ein prima Anlaufpunkt sein. Es gibt übrigens auch Gästezimmer und Platz für Zelte, für alle, die sich das Bahnhofsgeschehen und die schöne Gegend mal etwas länger ansehen wollen. Solltet Ihr im August beim Chaos Communication Camp 2019 sein, das quasi direkt um die Ecke stattfindet, könnt Ihr auch in der Woche danach einfach mal vorbeischauen!


Lust auf Rechenzentrum-Aufbau? Lies weiter:

Wir finden es super, wie viele junge Leute mittlerweile gern Programmieren lernen. Wir sind aber auch große Freunde des Generalismus und bedauern es etwas, dass dabei oft kaum etwas über Infrastruktur, Serverbetrieb, Netzwerke und all das, was es eben braucht, damit der Code eine Plattform zum Laufen hat, gelernt wird. Daher werden wir auch in dieser Richtung aktiv: Noch dieses Jahr entsteht ein an den Verstehbahnhof angeschlossenes Rechenzentrum. Wir haben dafür mehr Glasfasern zur Verfügung, als wir realistischerweise jemals brauchen werden und werden ein kleines aber feines State-of-the-Art Rechenzentrum bauen, inklusive Wasserkühlung für die Racks und Nutzung der Abwärme für die Heizung.

Und da wir das Generalisten-Sein auch leben, machen wir neben den Servern und dem Netzwerk auch sonst alles selbst – vom Strom über die Klimatisierung bis zum Splicen aller Glasfasern zwischen den Racks. Wir würden uns freuen, wenn sich da eine Handvoll junger Leute finden, die Lust auf Infrastruktur haben. Wir freuen uns aber jetzt schon darüber, dass wir ein Rack für alle möglichen Projekte des Jugend hackt-Labs bereitstellen können. Wir nehmen das nämlich ernst mit der Spielwiese.

Nähere Infos zu diesem Vorhaben folgen noch.

Was tun (mit) Karten?! – Felix Delattre (Lightning Talk 2017)

Felix kennt sich mit Landkarten aus: Er macht beim Humanitarian Open Street Map Team mit, das offene digitale Kartografie vor allem nutzt, um nach Natur- und anderen Katastrophen bei den Rettungsarbeiten zu helfen. Das HOT ist aus einer Aktion von Open Street Map-Aktivist*innen hervorgegangen, die nach dem Erdbeben in Haiti im Januar 2010 innerhalb von zwei Wochen die Karte der Hauptstadt Port-au-Prince stark verbessert hatten.

Die Aktion ist gutes Beispiel dafür, wie sich vor allem durch das Projekt Open Street Map die Rolle und Zugänglichkeit von Kartografie in den letzten Jahren gewandelt hat. Historisch gesehen waren genaue Karten vor allem ein Herrschaftsinstrument, mit dem vor allem Europa den Rest der Welt unter sich aufgeteilt hat. Später ging es auch darum, was man als Nutzer*in eigentlich mit von Unternehmen angebotenen Karten machen darf. Die Digitalisierung hat viele dieser Privilegien abgeschafft und die Kartografie für alle geöffnet.

Open Street Map ist die größte Sammlung offener Geodaten, vergleichbar mit dem, was Wikipedia für Wissen ist. Mehr als vier Millionen Menschen haben Daten und Informationen beigetragen – und jede*r kann diese auf verschiedene Weise nutzen. Natürlich auch, um einfach nur von A nach B zu kommen. Darüber hinaus stellt Felix zwei hauptsächliche Anwendungsbereiche vor: Für eigene Projekte kann man offene Karten als Hintergrund benutzen, auf den man neue Informationen überlagert und so zum Beispiel eine räumliche Verteilung visualisiert. Man kann aber auch die Geodaten selbst herunterladen und für eigene Projekte nutzen, in denen das „Wo“ relevant ist.

Wie man* Produkte im Team entwickelt – Philip Brechler (Lightning Talk 2017)

Mit mehreren Personen an einem Projekt arbeiten, sich die Arbeit aufteilen und dabei nicht durcheinander kommen: Das ist auf einem Hackathon genau so wichtig wie in der Software-Entwicklung im Job. Jugend hackt-Mentor plaetzchen arbeitet selbst in einem IT-Team und erklärt, wie die Kooperation gelingt:

Wichtig sind nicht nur die Zuständigkeiten (was macht die Entwicklerin, was der Product Owner, was das QA-Koala?), sondern auch, jedes (vermeintlich riesige) Projekt in überschaubare kleine Einzelaufgaben zu zerlegen. Und natürlich ist Kommunikation Quing: Immer wieder gemeinsam zusammenkommen, abgleichen und herausfinden, was gerade gut läuft und was nicht. Für den Überblick sorgen einfache Verfahren wie zum Beispiel Kanban. Damit kann man sogar auf einem Hackathon einfach mit ein paar Zetteln dafür sorgen, dass sich das eigene Team nicht verzettelt.

Philip Brechler alias plaetzchen war Developer und ist jetzt Product Owner bei ebay. Seine Hobbies sind immer noch Programmieren, Basteln und 3D-Drucken.